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Stand: 18.03.2015

Stellungnahme

Außenansicht

Pflege darf nicht den Bach runter gehen

Eine Pflegerin geht mit einer Seniorin spazieren.

"Vor Deinen Thron tret‘ ich hiermit", so textete er einen mächtigen Choral kurz vor seinem Tod. Bach war bis zuletzt psychisch robust und widerstandsfähig. Und er war äußerst kreativ. Trotz aller Rückschläge und Todesfälle hatte er immer seine Familie um sich, fand dort wohl Halt. Im Glauben fand er dazu eine Ordnung und war in stabile soziale Beziehungen eingebettet. Bach war freilich zuletzt auf Unterstützung angewiesen. Doch seine Pflege konnte ganz auf physische Hilfestellungen und Verrichtungen abstellen. Zeitsprung um 250 Jahre: Den verrichtungsbezogenen Schwerpunkt mit drei Pflegestufen hatte auch die bisherige Systematik der Pflegeversicherung. Der neue, ab 2017 maßgebliche Begriff von Pflegebedürftigkeit geht viel weiter: Er schließt psychische Problemlagen ebenso ein wie die kommunikative Fähigkeiten und die Gestaltung sozialer Kontakte. Damit bildet er zum Beispiel auch das weite Spektrum von Demenz besser ab. Gute Pflege stellt soziale Kontakte mit und zwischen Pflegebedürftigen her, fördert die Kommunikation und soweit möglich die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Und sie begleitet Sterbende auf ihrer letzten, manchmal beschwerlichen Lebensetappe. Aber wer kann das alles leisten? Nicht jeder, aber auf jeden Fall mal gut ausgebildete Pflegefachkräfte. Bei etablierten, tarifgebundenen Trägern wie der Caritas bekommen sie dafür auch eine faire und verlässliche Vergütung, schon nach fünf Berufsjahren im Schnitt über 3.000 Euro im Monat. Doch Geld allein macht bekanntlich ja auch nicht zufrieden. Hinzu kommt die berufliche "Erfüllung" in der Pflege. Denn die Spiegelneuronen tanzen, wenn Pflegebedürftige - ob mit oder ohne Demenz - Lebensqualität spüren und Emotionen zurückgeben. Das ist das Bereichernde an diesem sozialen Beruf. So hören wir das immer wieder von unseren Auszubildenden. Das ist auch das Wesentliche in der Pflege, wichtiger als Verwaltungsvorschriften, die für Alten- und Pflegeheime bis ins Kleinste vorgeben, wie groß jedes Bewohnerzimmer sein muss und welchen Bewegungsradius ein Rollstuhlfahrer in einer Nasszelle braucht. Aufsichtsbehörden in den Städten und Landratsämtern sollten den Freiraum bekommen, solche formalen Fragen im Sinne der Bewohner zu entscheiden.  Die Lebensqualität der Pflegebedürftigen macht die Musik. Gute Pflegekräfte wissen das. Sie wissen, wer statt Bach lieber die Rolling Stones hört. Sie kennen die Wünsche und Vorlieben des ihnen anvertrauten Menschen, auch wenn der sich selbst kaum mehr äußern kann. Deshalb verdienen Pflegekräfte die Wertschätzung der Gesellschaft. Und: Ihr Lohn darf nicht dem Spiel freier Marktkräfte überlassen bleiben. Gefragt ist ein fairer und geordneter Wettbewerb! Um am Ende noch einmal mit dem Großmeister der Barockmusik zu sprechen: Wir brauchen das Spiel auf einem "Wohltemperierten Klavier" zum Wohl der Pflege.

Dr. Robert Seitz
Abteilungsleiter Soziale Einrichtungen
Caritasverband für die Diözese Regensburg e.V.