Der Punkt, die Reißleine zu ziehen und sich Hilfe zu holen, ist der Erfahrung der Caritas-Schuldnerberatungsstelle nach oft dann erreicht, wenn eine Zwangsvollstreckung droht.DCV / KNA
Eben machte der Armutsbericht der Bundesregierung die Runde. Die Armutsquote in der Region ist demnach von 13,1 Prozent (2009) auf jetzt 14 Prozent gestiegen. Die Überschuldung von Privatpersonen in Deutschland ist laut Schuldner Atlas 2016 von Creditreform Wirtschaftsforschung zum dritten Mal in Folge angestiegen. Zum Stichtag 1. Oktober 2016 wurde für die gesamte Bundesrepublik eine Überschuldungsquote von 10,06 Prozent gemessen. Damit sind über 6,8 Millionen Bürger über 18 Jahre überschuldet. Dies sind rund 131 000 Personen mehr als noch im letzten Jahr. Wir fragten bei der Caritas-Schuldnerberatungsstelle nach einer Einschätzung.
Dem Schuldner Atlas zufolge liegt die Überschuldung in der Stadt Straubing bei 11,5 Prozent. und gehört zu den Negativ-Spitzenreitern beim gemessenen Anstieg. "Immer schon war Straubing ein roter Punkt auf dieser Karte", nimmt das Sozialpädagogin Birgit Wagner von der Caritas-Schuldnerberatung gelassen. Woran das liege, darüber lasse sich nur spekulieren. Die Justizvollzugsanstalt sei natürlich ein Faktor, die man ins Feld führen könne. Viele der Insassen seien nicht zuletzt aufgrund von Prozesskosten und Schadenswiedergutmachung aus ihren Taten hochverschuldet. Bei einer ähnlichen Anfrage hatte die JVA schon 2014 die Schuldenlast ihrer Gefangenen mit 20.5 Millionen Euro beziffert. Die Forensische Klinik kenne wohl ähnliche Problemlagen, mutmaßt Birgit Wagner. "Aber das ist nur ein Erklärungsversuch", sagt sie. "Brennpunkte gibt es schließlich in jeder Stadt."
Kleine Einkommen tragen hohes Risiko
In der täglichen Praxis kann Birgit Wagner allerdings feststellen, dass die Zahl derer steigt, die mit einem kleinen Einkommen gerade eben über die Runden kommen. "Trotz Arbeit", sagt sie. Denn die Zahl prekärer Beschäftigungsverhältnisse habe zugenommen: Befristete Verträge, Leih- und Zeitarbeit, kleine Gehälter. Viele seien trotz Berufstätigkeit von ergänzenden Leistungen abhängig. Konkret: Die Hälfte der Hilfesuchenden bei der Schuldnerberatungsstelle bezieht Lohn oder Rente. 15 Prozent sind laut Birgit Wagner von zusätzlichen Sozialleistungen abhängig. "Die Zahl sogenannter Aufstocker hat spürbar zugenommen." Die hohe Frequenz in Einrichtungen wie der Tafel oder dem BRK-Kleiderladen spreche Bände. Und besonders hart treffe es die, deren Einkommen gerade eben über der Bewilligungsgrenze von Leistungsbezug liege. "Rücklagen zu bilden, ist da kaum drin", sagt sie. Deshalb kämen all diese Haushalte leicht in Schieflage. "Es ist ein ständiges Jonglieren."
Dauert die Überweisung ergänzender Leistungen des Staates mal etwas länger, bricht das mühsam gebastelte Kartenhaus zusammen. Ist die Waschmaschine defekt oder das Auto, das man zur Fahrt in die Arbeit braucht, ist das eine Katastrophe. Meist folgten dann Ratenzahlungen, über die viele den Überblick verlieren. "Eigentlich sind Ratenzahlungen im Budget gar nicht drin."
Vermeintlicher Ausweg Ratenzahlung
Hauptauslöser für Überschuldung seien darüber hinaus Arbeitslosigkeit, Trennung und Scheidung sowie Erkrankungen körperlicher oder psychischer Art, auch Sucht. Bei Erwerbsunfähigkeit oder vielen Ausfallzeiten mindere sich das Einkommen schlagartig. "Oft ist die Verschuldung gar nicht so hoch, aber für manche Haushalte ist schon ein vergleichsweise kleiner Betrag schon so mächtig, dass er aus eigener Kraft nicht mehr zu stemmen ist." Hinzu komme fehlende Übersicht über die eigenen Finanzen. "Irgendwann will man sich damit nicht mehr auseinandersetzen."
Zügelloser Konsum ist auch ein Faktor. So pauschal lässt Birgit Wagner dieses Klischee aber nicht stehen. Weil wenig Geld da sei, hielten viele Ausschau nach Schnäppchen. Häufig im Internet. "Da sind aber die Verlockungen groß." Es gebe auch Dubioses, es gebe auch Abzocke. Und selbst wenn nicht abgezockt wird, auf Internet-Käufe folgt natürlich eine Rechnung. Noch ein Posten im engen Budget, noch eine Rate oder Überziehen des Dispo-Kredits, was selbst kleine Summen im Nu enorm wachsen lasse. Bezahlen mit Karte ist unübersichtlicher als bar zu zahlen, ist eine Binsenweisheit. Und Handyverträge sind unübersichtlicher als Prepaid. Besonders junge Leute gestehen manchmal in der Beratung, sich einfach dumm verhalten zu haben.
Wichtig: Die Situation akzeptieren
Der Punkt, die Reißleine zu ziehen und sich Hilfe zu holen, ist Birgit Wagners Erfahrung nach oft dann erreicht, wenn sich der Gerichtsvollzieher ansagt oder eine Zwangsvollstreckung droht. Manchmal motiviere aber auch ein neuer Lebenspartner oder eine neue Arbeitsstelle, an der Situation etwas zu ändern. Manche würden von Banken, ihrem Fallmanager beim Jobcenter, dem Gerichtsvollzieher, Betreuer, Familie oder Freunden auf die Schuldnerberatungsstelle aufmerksam gemacht. Manchmal gäben auch ehemalige Klienten, denen geholfen wurde, den Tipp. Von einem auf den anderen Tag befreit dieser Schritt aber nicht von den Schulden.
Am Anfang, sagt Birgit Wagner, stehe die Erkenntnis, dass man selber nicht mehr weiterkomme. Man müsse lernen, die Situation zu akzeptieren so wie sie ist. Und dass Ratenzahlungen keine Pauschal-Lösung sind, sondern nur ganz gezielt eingesetzt werden sollten. Erst einmal müsse man miteinander den Kern des Problems finden, dann die Stellschrauben ziehen für eine Verbesserung: Mögliche Einsparungpotentiale finden, Gläubigergespräche führen, Möglichkeiten für einen Nebenjob abklopfen, Sozialleistungs- und Zuschuss-Ansprüche erschließen.
Durchschnittlich 61 000 Euro Miese
Durchschnittlich stünden die Klienten der Caritas-Schuldnerberatung mit 61 458 Euro (Stand 2015) in der Kreide, die Gläubigerzahl liege durchschnittlich bei 14 bis 16. Natürlich gebe es auch Schuldner mit nur einem Gläubiger und nur wenigen tausend Euro. Die durchschnittlichen 61 458 Euro würden aber gar nicht selten auch übertroffen und gingen in die Hunderttausende. "Gescheiterte Immobilien-Finanzierungen, gescheiterte berufliche Selbständigkeit", führt die Sozialpädagogin als Beispiele an. Unterhalts- und Mietschulden seien ebenfalls gängig. Die Privatinsolvenz, die viele Klienten erhofften, dauere in der Regel Jahre. Aber es sei da ein noch ferner Zeitpunkt, der "zumindest Aussicht auf eine Lösung" schafft. Das mindere den Druck und die Angst, der auf den Schuldnern laste. Vielfach sei die Privatinsolvenz sinnvoll, sinnvoller als sich mit nicht funktionierenden Ratenzahlungen immer mehr zu verzetteln. "Es kommt wieder Stabilität in den Haushalt."
In 51 Prozent Kinder betroffen
437 Fälle hat die Beratungsstelle 2016 betreut, soweit die vorläufige Statistik. 210 sind noch in laufender Beratung. Bedenklich sei, dass in 51 Prozent der betroffenen Haushalte Kinder leben. 19 Prozent sind Alleinerziehende. Birgit Wagner spricht von "Einkommensarmut" als Problemstellung, trotz vielfach von der Politik beschworener stabiler Wirtschaftslage und sinkender Arbeitslosigkeit. "Die Situation vieler ist fragil", sagt sie, "es geht schnell bis zur Zahlungsunfähigkeit". Die derzeit vier Berater, davon einer in Vollzeit, führen eine Warteliste. Auch wenn es bis zu einer Begleitung mitunter Monate dauern kann, "Erste Hilfe" ist laut Birgit Wagner immer möglich.
Quelle: Straubinger Tagblatt – M. Schneider-Stranninger –