„Es ist gut, wenn man weiß, wovon man redet“, sagt Caritas-Geschäftsführer Norbert Scheidler. Deswegen freut er sich, wenn politische Entscheidungsträger beim Rollentausch Altenheime und andere soziale Einrichtungen besuchen und sich vor Ort ein Bild der Umstände machen. Beispielsbild: Deutscher Caritasverband e.V./KNA
Würde es nichts bringen, würde man sich nicht zum wiederholten Male an der Aktion "Rollentausch" beteiligen, sagt Caritas-Geschäftsführer Norbert Scheidler. Politikern die Chance geben, ein paar Stunden in sozialen Einrichtungen mitzuarbeiten, um ihren Erfahrungs- und Erkenntnisschatz zu erweitern und vielleicht auch, um Meinungen zu korrigieren - das ist das Ziel des Rollentauschs, den Sozialministerium und Freie Wohlfahrtspflege jährlich durchführen. 50 Politiker und Entscheidungsträger hatte Scheidler dazu eingeladen, elf haben tatsächlich mitgemacht.
"Damit sind wir sehr zufrieden", betonte Scheidler jetzt bei einem Nachgespräch, denn einige kennen die Caritas-Einrichtungen auch schon oder haben unter dem Jahr mal die eine oder andere Stelle besucht. Einige Wiederholungstäter - im positivsten Sinn - waren auch wieder dabei, Bezirksrat Franz Schedlbauer zum Beispiel, und Stadtrat Stephan Weckmann. "Ich find’s einfach klasse", begründet er seine mehrmalige Teilnahme.
Letztes Jahr hat er einen integrativen Kindergarten besucht, heuer verbrachte er den Rollentausch bei Klaus Aschenbrenner. Er berät pflegende Angehörige in den entsprechenden Fachstellen der Caritas. "Man bekommt viel Hintergrundwissen, ich wusste vieles nicht. Nicht einmal, dass es eine solche Fachstelle gibt", erklärt Weckmann. Sein Eindruck: Der Berater nimmt sich sehr viel Zeit, ist geduldig und erklärt den oft älteren Menschen auch fünfmal, wie sie welche Formulare ausfüllen müssen. "Er ist sogar außerhalb der Arbeitszeit erreichbar. Das ist echt ein Fulltime-Job! Die Stelle ist mit Herrn Aschenbrenner fantastisch besetzt, aber er braucht Hilfe", berichtet der Stadtrat. Scheidler erklärte, dass bereits eine zusätzliche halbe Stelle beantragt sei.
Denn viele Angehörige wüssten gar nicht, wann sie welche Pflegestufe beantragen können oder welche Hilfen sie für zuhause bekommen, berichtet Nicole Wiesmüller, Pflegedienstleiterin im Marienheim an der Wittelsbacherstraße. Dort absolvierten unter anderem Landrat Josef Laumer und Stadtrat Artur Christmann ihren Rollentausch. "Das war für mich wie ein Marathon!" sagt Christmann frei heraus. Zwei Stunden hin und her laufen, Essen ausgeben, den Bewohnern zuhören, sie auf die Toilette bringen: "Ich war echt gerührt von den Bewohnern, für die Besuch ein Highlight darstellt, und beeindruckt, wie die Pflegekräfte da rumfetzen. Sie haben aber dadurch wenig Zeit für Kontakte", ist sein Fazit. Das liegt auch an der Dokumentationspflicht. "Das ist ein unheimlicher bürokratischer Aufwand", hat auch Kreisrat Ludwig Waas bemerkt, der ebenfalls im Marienheim am Rollentausch teilnahm.
Dokumentation ist wichtig, Ansprache ist ganz wichtig
"Die Dokumentation ist schon wichtig, aber der Umfang ist entscheidend. Die Zeit, die für Bürokratie aufgewendet werden muss, wird natürlich von der persönlichen Begegnung abgezwickt", sagt Scheidler. Man sollte eigentlich nicht jeden Handgriff aufschreiben, nur das, "was außergewöhnlich ist", findet der Caritas-Geschäftsführer. "Ansprache ist doch gerade für ältere Leute ganz wichtig", meint auch Weckmann, der den Schilderungen der Rollentausch-Kollegen interessiert zuhörte. Nicole Wiesmüller erklärt, es gebe zwar Betreuungskräfte und Ehrenamtliche, die sich der Bewohner annehmen, doch "zehn, zwanzig mehr wären auch schön", sagt sie lachend.
"Im Heim wird man unwahrscheinlich demütig", schildert Waas seinen ersten Eindruck. Außerdem müsse man als Pfleger sehr stark sein; vieles, was belastet, nehme man ja nach Hause mit. "Wir sind der Familienersatz. Damit muss man zurechtkommen", macht die Pflegedienstleiterin deutlich. Momentan helfen dabei auch noch die Dillinger Franziskanerinnen, im Neubau An der alten Waage dann nicht mehr.
Zu wenig Personal, das ist in der Pflege ein Dauerbrenner-Thema. "Ich habe, was die Alterung der Gesellschaft und den gleichzeitigen Fachkräftemangel in der Pflege angeht, Bedenken, ob das System so zukunftsfähig ist", warnte Scheidler. Der Staat müsse sich dringend etwas überlegen, um Altenpflege attraktiver zu machen. "Es will sich auch keiner damit beschäftigen, mit dem Alter, der Pflege und dem Sterben", zeigt Nicole Wiesmüllers Erfahrung.
"Ich auch nicht!" gibt Weckmann offen zu. Doch er hat sich Zeit genommen, um wieder beim Rollentausch mitzumachen und so seinen Horizont zu erweitern. Nächstes Jahr wäre er wieder dabei, sagt er gleich zu. Vielleicht finden sich dann noch mehr Mitstreiter, die Einblicke in Beratungsstellen, Altenheime und Kinderbetreuung gewinnen wollen.
Artikel: Straubinger Tagblatt