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Stand: 18.03.2015

Pressemitteilung

"Der Ritt auf einem toten Pferd"

Kurz vor der Bundestagswahl haben Politiker unterschiedlicher Coleur die Pflege als Thema wiederentdeckt. Wahlkämpfe sind für manches gut, eigentlich hätten sie vier Jahre Zeit dazu gehabt. Es hat Monate gedauert, ehe eine Regierung gebildet wurde. Jetzt gibt es einen neuen Gesundheitsminister – Jens Spahn – der in einem seiner ersten Statements die Anwerbung ausländischer Pflegekräfte als eine Lösung für die angespannte Lage aus dem Zylinder recycelte.  

Politik und PflegeKurz vor der Bundestagswahl hat die Politik die Pflege als Thema wiederentdeckt.Christophe Gateau / dpa

Wir fragten Straubinger Vertreter der Pflege – aus Altenheim, Krankenhaus, ambulanter Pflege und Altenpflege-Ausbildung – was sie zu den jüngsten Slogans sagen und was sie sich wünschen würden.

 Kay Hoppe, Krankenpfleger und Initiator der monatlichen Aktion „Pflege am Boden“ vor dem Rathaus, nennt den Spahn-Vorschlag, auf ausländische Pflegekräfte zu setzen, „den Ritt auf einem toten Pferd“. Schon die Vorgänger Gröhe und von der Leyen seien damit angetreten. Hoppe ist enttäuscht, denn Spahn sei kein gesundheitspolitischer Anfänger. Deutschland sei für europäische Pflegekräfte Schlusslicht in der Attraktivitätsskala, kommentiert er. In Skandinavien und der Schweiz gebe es bessere Arbeitsbedingungen. Dazu komme das Sprachproblem. „Pflege ist nun mal ein kommunikativer Beruf.“ Enttäuschend findet er, dass das Wort der hochkompetenten Beauftragten für die Pflege in Bayern wie im Bund einfach nicht gehört, geschweige denn umgesetzt werde. Hoppe spricht von Beratungsresistenz: „Die Politik entscheidet über die Pflege, aber nicht mit der Pflege.“ Für unerlässlich hält er eine bessere Bezahlung von Pflegekräften und eine rasche Umsetzung verbindlicher Personalschlüssel. Es könne nicht so weitergehen, dass egal wie viel Personal präsent ist, eine feststehende Bettenzahl zu versorgen sei. „Eigentlich müsste sich die Bettenzahl, die ausgeschöpft werden kann, nach dem Vorhandensein des nötigen Personals richten.“ Pflege sei anspruchs- und verantwortungsvoll und nicht allein von Hilfskräften zu leisten, verweist Hoppe auf die immer kürzeren Verweildauern im Krankenhaus, was die Pflege sehr fordere. Der enorm hohe Standard deutscher Medizin werde gerne gerühmt, aber über den Anteil der Pflege an diesen Standards rede niemand. Das Abrechnungssystem in den Krankenhäusern nach DRGs (Fallpauschalen) sei ein Riesenfehler – auf Kosten der Pflege. Die Attraktivität des Pflegeberufs lasse sich durch bessere Arbeitsbedingungen steigern, ist Hoppe überzeugt, „wir üben unseren Beruf gerne aus“. Die gegenwärtige Belastung wie das ständige Einspringen für erkrankte Kollegen und der Zeitdruck machten viele Pflegekräfte mürbe. Viele arbeiteten nur noch Teilzeit oder stiegen aus dem Beruf aus. „Wir hätten ausgebildete Pflegekräfte, nur wird zu wenig getan, sie im Beruf zu halten.“ Es brauche mutige Entscheidungen der Politik. „Wir haben Handlungsbedarf, keinen Erkenntnisbedarf. “Auch die Arbeitgeber seien gefragt. Höhere Gehälter müssten jedoch erst mal refinanziert werden, räumt Hoppe ein und ist sicher, „das System Pflegeversicherung wird auf Dauer so nicht laufen“. Die Kostensteigerung für Krankenhäuser liege weit über der Inflationsrate, bei der Pflege komme dieses viele Geld jedoch nicht an. Es gebe gleichzeitig einen enormen Investitionsstau in Krankenhäusern, eingespart werde oft bei den Personalkosten, auch wenn das kaum jemand zugebe, moniert Hoppe, der auch die bestandsgefährdenden Auflagen für kleine Krankenhäuser kritisch sieht, die durchaus ihre Existenzberechtigung hätten.

*Dr. Sandra Hasslöwer, Leiterin des Caritas-Altenheims Marienstift und des Seniorenzentrums An der Alten Waage, sagt: „Wir bezahlen unsere Pflege- und Betreuungskräfte leistungsgerecht und bieten umfassende Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten - bereits heute. Trotzdem müssen wir feststellen, dass die Besetzung frei gewordener Stellen für die Pflegeheime immer schwieriger wird - vor allem weil die Qualität der Bewerbungen nachlässt.“ Die Caritas setze deshalb auf die Ausbildung in den eigenen Häusern und sehe in der Generalistik eine geeignete Möglichkeit zur Aufwertung des Pflegeberufes. Um junge Menschen für die Pflege zu gewinnen, seien vor allem gute Bezahlung und genug qualifizierte Kollegen im Team hilfreich. 

Die Pflegestärkungsgesetze seien, was die Leistungsverbesserungen für Demenzkranke angehe, richtig und wichtig. Allerdings seien die Reformen stark auf die ambulanten Dienste ausgerichtet. „In den Pflegeheimen ist von einer Verbesserung in der Pflege- und Betreuungsqualität nichts zu spüren. Wir erwarten dringend die für 2020 angekündigten einheitlichen Personalschlüssel, und deren finanzielle Absicherung.“ Denn der Ruf nach mehr Personal in den Pflegeheimen müsse ins Leere laufen, wenn nicht gleichzeitig die Finanzierungslogik neu gedacht werde, sagt sie. Jede personelle Verbesserung wirke sich direkt auf den Pflegesatz aus und werde deshalb vollständig von den Bewohnern und Angehörigen getragen. „Zielführend wäre eine Umstellung der Finanzierung dahingehend, dass die Pflegeanteile von der Kranken- und Pflegeversicherungen getragen werden und die sogenannten Hotelkosten (Unterkunft, Verpflegung, Investitionskosten) als Eigenbeteiligung beim Selbstzahler bleiben“, meint Dr. Sandra Hasslöwer. Im häuslichen Umfeld werde die Behandlungspflege von der Krankenversicherung bezahlt. Im Pflegeheim werde Behandlungspflege pauschal im Rahmen des stationären Versorgungsangebotes durchgeführt. Dies führe zu einer Ungleichbehandlung der Leistungsberechtigten und zu einer zunehmenden Belastung der Pflegeeinrichtungen. Den verstärkten Einsatz ausländischer Fachkräfte hält Dr. Sandra Hasslöwer für einen Lösungsansatz, der oft und gerne von den politischen Akteuren ins Spiel gebracht wird. „Wir haben noch keine Erfahrung mit der systematischen Anwerbung ausländischer Fachkräfte, sind aber aufgeschlossen. Wir beschäftigen gerne qualifizierte Pflegekräfte aus dem Ausland und investieren viel Zeit in gute Integration.“ Eine Partnerschaft mit Caritas Georgien werde vielleicht künftig neue Möglichkeiten der Akquise von Fachkräften bieten.

 *Renate Maier, Geschäftsführerin und Inhaberin der häuslichen Krankenpflege Renate Protschka, sagt, „grundsätzlich ist der verstärkte Einsatz ausländischer Pflegekräfte keine neue zündende Idee. In der Pflege ist das gerade die gängige Praxis.“ Sie macht gleichzeitig auf die Krux aufmerksam: In der Häuslichkeit seien gerade beim Einsatz von ausländischen Pflegekräften die sprachlichen Barrieren sowie eine ausreichende Qualifizierung ein Problem. „Es gibt leider keine einheitlichen Standards.“ Die beworbenen Qualifizierungen seien häufig sehr dürftig, wie zum Beispiel zähle als Qualifikation „schon einmal die Oma gepflegt“ oder auch ein einwöchiger Pflegekurs, in dem die genauen Schulungsinhalte nicht genau bekannt sind. Hier bestehe häufig ein Ungleichgewicht, wenn man bei uns gängige Qualitätsvorgaben als Pflegedienst gegenüber stelle. Um die Pflege durch Fachkräfte langfristig zu sichern, sind in den Augen von Renate Maier gute Qualifizierungskonzepte gefragt. „Dazu könnte man vor allem Berufswiedereinsteiger gezielt durch Förderprogramme unterstützen, wenn sie sich für einen Pflegeberuf entscheiden.“ Wichtig sei hierbei, dass die Ausbildungen fachlich fundiert sind und einen anerkannten Abschluss haben wie zum Beispiel Pflegefachhelfer (einjährig) oder examinierte Pflegefachkraft mit dreijähriger Ausbildung. „Trotzdem muss ich sagen, dass Pflege für mich nach wie vor einer der schönsten Berufe ist, der viele schöne Momente mit all seinen Ansprüchen mit sich bringt. Ich wünsche mir, dass wieder viel mehr Menschen für unseren Beruf begeistert werden. Die vielen positiven Seiten der Pflege müssen wieder mehr in den Vordergrund gerückt werden! Hierzu spielt die Politik und die Gesellschaft eine wichtige Rolle“, ist Renate Maier überzeugt.

*Franz-Xaver Knott, Pflegedirektor am Klinikum St. Elisabeth, registriert ein Aufwachen der Politik, hegt aber keine großen Erwartungen. „Momentan gibt es viel Aktionismus.“ Knott wäre hingegen um „kleine Schritte“ froh. Die Thematik „ausländische Pflegekräfte“ ist ihm nicht fremd, für einen großen Wurf hält er den Vorschlag von Spahn nicht. Im Klinikum habe man sich – wie 300 andere Krankenhäuser in Deutschland – damit befasst und in Kooperation mit Arbeitsagentur und der Deutschen Akademie für Internationale Zusammenarbeit zehn Pflegekräfte aus Serbien angeworben und mit erheblichem Aufwand dauerhaft integriert. Das gehe von der Vermittlung von Wohnungen bis zur Anerkennung der Berufsausbildung in Deutschland samt notwendigem Sprachniveau. Bei den Vorstellungsgesprächen in Belgrad sei deutlich geworden, man habe durch die Abwerbung Serbien nicht geschadet. „Die Leute waren arbeitslos.“ Für Pflegekräfte aus England oder Frankreich sei Deutschland unattraktiv, denn in deren Heimatländern gebe es bessere Personalschlüssel, aber auch mehr berufliche Verantwortung. Im Prinzip seien „ausländische Pflegekräfte“ nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Im Notfall werde das Klinikum diese Karte aber nochmal spielen. Auch die angedachte Akademisierung des Pflegeberufs sei nicht die Rettung. Der Druck aufs System sei extrem hoch, sagt Knott und verhehlt nicht, dass das Fallpauschalen-Abrechnungssystem in den Krankenhäusern die Pflege außen vor lasse – seit Jahren. Immerhin bringe neuerdings die kombinierte Berücksichtigung von Diagnose und Pflegegrad etwas mehr Geld für die Häuser, in seinen Augen ein richtiger Weg. Vor allem müsse die Politik daran arbeiten, die Belastung für Pflegekräfte zu mindern und die Personalschlüssel zu verbessern, um der hohen Schlagzahl in den Kliniken durch kurze Verweildauern gerecht zu werden. Froh ist Knott, dass die Barmherzigen Brüder Ausbildung immer als wichtig erachteten und die Krankenpflegeschule aufrechterhalten. Man dürfe die Augen nicht vor der Tatsache verschließen, dass die Alters-Demographie beim Pflegepersonal in absehbarer Zeit eine weitere Herausforderung werde. Knott wünscht sich Wertschätzung für das Pflegepersonal – da müsse die Gesellschaft sehr umdenken: Viele blätterten für ein großes Auto hohe Summen hin, ohne mit der Wimper zu zucken, schüttelten aber über die Kosten einer 24-Stunden-Pflege den Kopf. Knotts Fazit: „Ich mag meinen Beruf immer noch und bin bescheiden geworden mit meinen Wünschen.

“*Saskia Brehm, Lehrerin für Pflegeberufe, Vorsitzende des Fördervereins der Privaten Berufsfachschule für Altenpflege und Altenhilfe der Franziskanerinnen in Aiterhofen, rückt beim Stichwort „ausländische Pflegekräfte“ die Sprache in den Blick. „Das ist in der Altenpflege und bei Menschen mit Demenz ein großes Problem.“ Aber nicht nur in der Altenpflege, auch im Krankenhaus. Des Weiteren sei der Stand der Medizin in manchen Ländern (Balkan usw.) nicht zu vergleichen. „Da war der Bremer Tatort mit der Kommissarin Lürsen vor 14 Tagen ein gutes Zeitgeist-Beispiel.“ Es müsse nicht immer Betrug dahinter sein, aber bei uns sei die Medizin auf einem sehr hohen Stand. „Wenn ich da an die Wundbehandlung denke oder an heimbeatmete Intensivpatienten und das ausländische Personal oft diesen hohen Standard nicht erlebt hat.“ Sie findet auch nicht gut, wenn in anderen Ländern dann Pflegekräfte fehlen und bei uns zu anderen Tarifen als üblich arbeiten. Seit Jahren schon sei von Fachkräftemangel in der Pflege die Rede. Das mache den Beruf nicht attraktiver. In Saskia Brehms Augen geht es Pflegekräften nicht in erster Linie um eine bessere Bezahlung, sondern um bessere Arbeitsbedingungen. „Menschenwürdige Pflege hat mit Zeit (haben) zu tun. Man möchte einem alten Menschen oder Patienten ohne schlechtes Gewissen mal ein paar Minuten länger widmen können.“ In der Realität müssten Pflegekräfte aber für ausgefallene Kollegen aufgrund des engen Personalbestands häufig einspringen. Auszubildende würden zum Teil auf den Stellenschlüssel angerechnet. Dabei wäre ihrer Erfahrung nach so wichtig, dass den Auszubildenden die Zeit gegeben wird, Hand in Hand mit Anleitern zu arbeiten und von deren Erfahrung und Vorbild zu lernen. Die Realität sehe aber anders aus. „Es müsste für die Altenpflege mehr Personal zur Verfügung stehen, weniger ungelernte Hilfskräfte.“ Die Auszubildenden in der Altenpflegehilfe müssten genauso bezahlt werden wie in der Krankenpflegehilfe, fordert sie, dann wäre das auch für Abgänger der Mittelschule ein interessanter Bereich. „Mein großer Traum wäre, wir würden den Solidaritätszuschlag auf die Pflegeversicherung setzen, dann wäre viel Geld im System“, sagt sie. Alte Menschen müssten nicht ihr zusammengespartes Geld abgeben für ihre Versorgung, sondern jeder erhalte, was er braucht. Auch die Angehörigen würden nicht zur Kasse gebeten, „das wäre Solidarität für alle. Ich habe diesen Vorschlag an Wolfgang Kubicki (FDP) geschickt während der Jamaika-Runde, Sie können sich vorstellen, was als Rückantwort kam.“

Von Monika Schneider-Stranninger
Straubinger Tagblatt / 06.04.2018