Schuldnerberater können gar nicht pessimistisch veranlagt sein. Schließlich zeigen sie Menschen, die bis zum Hals finanziell im Schlamassel stehen, Perspektiven auf. Auch wenn es mühsam ist, detektivischer Sichtung von Behörden-, Bank- und Gläubigerpost bedarf und manchmal Monate oder Jahre dauert. Pessimistisch fällt allerdings ihre Prognose aus, wenn sie an die von der Bundesregierung angepeilten Kürzungen beim Bürgergeld denken. "Diese Reform erwarten wir mit Grauen", sagen die Sozialpädagoginnen Katharina Reuschl und Nicole Eimer von der Schuldnerberatungsstelle der Caritas. Sie rechnen mit noch mehr Zulauf und noch längeren Wartezeiten.
2025 hatten sie allein 617 Neuanfragen, im Jahr davor waren es "nur" 497. In den vergangenen fünf Jahren seien die Zahlen kontinuierlich angestiegen, bilanziert Katharina Reuschl. Und es werde noch viel mehr werden, wenn Menschen Sozialleistungen verlieren und die Wirtschaftslage mit Kurzarbeit und Betriebsaufgaben samt angespannten Wohnungsmarkts sich weiter so entwickelt, so ihre Prognose. Wenn die Mitversicherung von Ehefrauen in der Krankenkasse gestrichen werde, werde das ebenfalls die Lage zuspitzen und Schulden bei Krankenkassen ansteigen lassen, sind sie sicher. Gerade Frauen, die Care-Arbeit leisteten, würden dann in weitere Abhängigkeit gedrängt, befürchtet Katharina Reuschl. Viele Schuldner seien gängigen Vorurteilen widersprechend berufstätig, aber ihr Einkommen ist oft so gering, dass es gerade reicht, um über den Monat zu manövrieren, aber nicht, um etwas anzusparen für Krisen jedweder Art. Und wenn es nur eine Autoreparatur oder der Ausfall der Waschmaschine ist.
Geld reicht trotz Berufstätigkeit nicht
Genau das erleben die beiden Schuldnerberaterinnen immer öfter: Menschen kommen trotz Berufstätigkeit nicht mehr um die Runden. Gleichzeitig werde die Suche nach einer neuen Arbeitsstelle schwieriger angesichts der Wirtschaftslage.
Hinzu komme, dass mehr Menschen als man denkt, sogar junge Menschen, Probleme hätten, mit der zunehmenden Digitalisierung zurechtzukommen. Behördenpost staue sich in digitalen Postfächern, sofern sie überhaupt vorhanden sind. Viele hätten nur ein Smartphone zur Verfügung, keinen PC und auch keinen Drucker. Das mache es nicht einfacher, digitale Formulare auszufüllen.
Aktuell verzeichnet die Schuldnerberatungsstelle eine Wartezeit von fünf bis sechs Monaten auf eine langfristige Beratung. Wenn es allerdings um akute Existenzsicherung gehe, würden Schuldner sofort unterstützt, um die dringendsten Schritte einzuleiten, versichern beide. Es gehe darum, dass die Wohnung samt Stromversorgung erhalten bleibe.
Krankheit, Trennung und mangelndes Wissen
Der häufigste Grund, dass Klienten in eine finanzielle Abwärtsspirale geraten, ist aus der Erfahrung der Beraterinnen Krankheit, psychisch wie physisch, Trennung, Scheidung, Tod des Partners sowie fehlendes Wissen über Vertragswesen und Geldgeschäfte. "Über Geld spricht man nicht", zitiert Nicole Eimer einen gängigen Spruch, der verhängnisvoll sei. "Über Geld sollte man reden."
Viele Schuldner versuchten, ihrem sozialen Umfeld gegenüber die Fassade zu wahren und mitzuhalten, was dort Standard sei. Das könne auf Dauer nicht gutgehen. Es gebe sogar versteckte Obdachlosigkeit, Menschen, die einer Arbeit nachgingen, aber keinen festen Wohnsitz haben und sich mit wechselnden Wohngelegenheiten durchschlagen.
Längerfristiges Niedrigeinkommen
Bei einem Teil der Schuldner sei ein längerfristiges Niedrig- oder schwankendes Einkommen in prekären Beschäftigungsverhältnissen das Grundproblem. Sie seien auf aufstockende Bürgergeldleistungen angewiesen oder mindestens auf Wohngeld. "Hier geht es nicht um Menschen, die nicht arbeiten wollen", rücken die beiden Beraterinnen ein verbreitetes Vorurteil gerade.
Viele wüssten gar nicht, was ihnen an Sozialleistungen zusteht. Es sei durchaus Geld im System, sagt Nicole Eimer, insbesondere Kinderzuschläge für Teilhabe und Bildung, aber man müsse wissen, wo man einen Antrag stellen kann. Und die Tatsache, dass man für verschiedene Leistungen verschiedene Behörden als Ansprechpartner habe, mache die Sache nicht leichter. "Eine Behörde, bei der alle Leistungen zusammenlaufen, das wäre eine echte Erleichterung", sagen beide.
Konsumdruck ist ein weiterer Faktor, der in die Schuldenfalle führen kann. Influencer spielten hier mit ihrer Werbung eine nicht zu unterschätzende Rolle. Und überall werde mit Ratenkauf geworben, um sich das leisten zu können, was man brauche, um dazuzugehören. Vom Smartphone bis zu Markenkleidung, vom Auto bis zum Urlaub. "Aber Raten können sich auch summieren", sagt Nicole Eimer.
Es wird leichtgemacht, an einen Kredit zu kommen
Gewisse Plattformen machten es einem sehr leicht, an einen Kredit zu kommen. Kartenzahlung sei ein weiteres Minenfeld. Viele sind fälschlich der Ansicht, es sei noch Geld auf dem Konto, dabei werde je nach Kartenart oft erst mit zeitlichem Abstand abgebucht. Die Folge seien oft Rücklastschriften oder Mahnungen. Und schnell seien Inkassobüros im Spiel. Weiterer Fallstrick - Telefonverträge, die mit niedrigen Einstiegskosten werben, aber nach Monaten deutlich teurer werden. Das werde oft übersehen und auch da seien schnell Inkassobüros auf dem Plan.
Und noch ein Fallstrick: Das Jobcenter zahle seine Leistung am Monatsende für den kommenden Monat, Arbeitsentgelt werde am Monatsende für den zurückliegenden Monat gezahlt. Da könne schnell eine folgenschwere Lücke entstehen, wenn nach Antritt einer neuen Arbeitsstelle ein, zwei Monate gar kein Geld aufs Konto komme. Sofern man nicht rechtzeitig Überbrückungsgeld beantragt hat. "Das wissen viele nicht."
Konsumdruck und Wahrung der Fassade
Es sei nicht der Sinn der Schuldnerberatung, die Klienten maßzuregeln oder ihnen Vorschriften zu machen, wofür sie ihr Geld auszugeben haben. "Jedes Leben ist anders, jeder hat andere Prioritäten." Es gehe vielmehr darum, dafür zu sorgen, dass genug Geld da ist, um die existenziellen Fixkosten zu decken", sagt Katharina Reuschl. Miete, Nebenkosten, Versicherungen, Lebensmittel, Busticket zu Schule oder Arbeitsplatz....
Es sei eine Hürde für jeden, bei der Schuldnerberatung anzurufen und die Situation unbeschönigt zu benennen. Wenn dann am Ende des Gesprächs, wie es immer wieder vorkomme, jemand sage, "so gruselig war es gar nicht", sehen sich beide bestätigt. Den Ausschlag, sich an die Beratungsstelle zu wenden, gebe meist ein harscher Einschnitt wie ein Schreiben des Gerichtsvollziehers oder eines Inkassobüros. "Erst wenn es wirklich wehtut." Sich früher zu melden, wäre sinnvoll, aber die Betroffenen versuchten oft, ihre Lage selber auf die Reihe zu kriegen.
Viele meldeten sich mit dem Wunsch nach einer Privat-Insolvenz. Sie sähen keinen anderen Ausweg, nachdem sie oft jahrelang eine Schuldnerlaufbahn durchlebt und durchlitten haben. Dass die sogenannte Wohlverhaltensphase seit einer Gesetzesänderung statt sieben nur noch drei Jahre dauere, mache diese Entscheidung manchem leichter. Es dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass in dieser Zeit kein Euro mehr als bisher in der Kasse sei. "Die Privatinsolvenz ist der Notausgang." Ehe es zur Privatinsolvenz kommt, sieht der Gesetzgeber einen außergerichtlichen Einigungsversuch mit den Gläubigern voraus. Die Schuldnerberaterinnen sind allerdings verblüfft, wie selten eine solche Einigung auf Gläubigerseite in Anspruch genommen wird.
Umso wichtiger ist Prävention. "Sprechen wir über Geld", appellieren die Schuldnerberaterinnen. Sie suchen, soweit Zeit ist, Schulklassen auf und sensibilisieren die Schüler für Haushaltsplanung und finanzielle Fallstricke. Interessierte Schulen könnten sich gerne melden, Es gibt aktuell noch ein Zeitkontingent.
von MonikaSchneider-Stranninger
Straubinger Tagblatt 23.06.2026