Menschen in finanziell prekärer Situation gibt es in vergleichsweise hoher Zahl. Die Nachfrage bei der Schuldner- und Insolvenzberatungsstelle der Caritas reißt nicht ab. 290 Personen sind 2021 beraten worden, 240 davon langfristig - da können Monate oder gar Jahre nötig sein. 1 591 Beratungskontakte bilanziert das Team 2021.
Die Pandemie spitzt die Lage in den Augen des Beraterteams sogar zu: Durch den Verlust von Zusatzeinkommen im Haushalt, Verringerung des laufenden Einkommens als Folge ausbleibender Überstunden und Schichtzulagen, wegen Kurzarbeit und Verteuerung der Lebenshaltungs- und Energiekosten. Dadurch gerieten manche Haushalte noch mehr in Schieflage. Ständig Nachrichten zu Kriegsgefahr und Klimawandel ziehen nicht wenige noch weiter in den Sog von Zukunftsangst.
Ohnehin belastete Menschen seien jetzt in noch schlechterer Verfassung, so die Erfahrung von Sozialpädagogin Birgit Wagner. Immer öfter riefen Menschen an, die Angst haben, dass ihnen alles zu viel wird. Zu einem Zeitpunkt, wo früher mancher sicher gewesen wäre, "das kriegen wir schon hin". Die Belastbarkeit sinkt, die Zahl seelisch Erkrankter nehme zu.
In Straubing spüre das Team jedenfalls nicht, dass die Zahl überschuldeter Verbraucher zurückgegangen sei, sagt Sozialpädagogin Birgit Wagner. Laut Schuldneratlas Deutschland habe sich die Überschuldungsrate leicht auf 8,86 Prozent verringert.
"Ich habe keine Übersicht mehr ..."
"Ich bekomme so viele Mahnungen von Gläubigern. Ich habe keine Übersicht und weiß nicht, wie ich das schaffen soll." - "Mein Konto wurde gesperrt: Ich weiß nicht, wie ich Miete und Strom zahlen soll." - "Bis vor Kurzem konnte ich noch alle Raten zahlen. Jetzt bin ich arbeitslos geworden und muss noch eine Monatsmiete nachzahlen. Die Gläubiger drohen mir mit dem Gerichtsvollzieher. Ich habe Angst, dass mir alles genommen wird ..." So oder ähnlich sind die Anliegen, die Ratsuchende vorbringen.
Die vergangenen zwei Jahre hätten vom Beraterteam viel Flexibilität verlangt, sagt Birgit Wagner. Nicht nur wegen der Corona-Vorschriften, sondern auch wegen Gesetzesreformen. Eine weitere Herausforderung seien zunehmende Anfragen von hier lebenden Ausländern mit geringen Deutschkenntnissen. Das Team behelfe sich mit Übersetzungsprogrammen. Oft fungierten Verwandte oder Freunde der Ratsuchenden als Dolmetscher.
Wegstecken muss die Beratungsstelle zudem Personalwechsel. Der langjährige Berater Thomas Karl ist im Januar in eine für ihn heimatnahe Schuldnerberatungsstelle gewechselt. Die Stelle ist bereits nachbesetzt. Die neue Kollegin muss sich allerdings erst einarbeiten. Eine weitere Stelle, eine Elternzeitvertretung, bleibt noch einige Wochen unbesetzt.
Erst einmal für Existenzsicherung sorgen
Als Erstes gehe es darum, die Ratsuchenden zu stabilisieren, sagt Birgit Wagner. "Psychisch, sozial und wirtschaftlich." Ziel sei, dass sie in die Lage versetzt werden, ihre schwierige Lebenssituation selbstständig zu bewältigen. Dazu gehört zunächst Krisenintervention zur Existenzsicherung, Vernetzung in Frage kommender Hilfsangebote, Erarbeiten eines Schuldenbereinigungsplans, sofern eine Reduzierung oder Tilgung der vorhandenen Schulden angesichts der jeweiligen Lebensumstände möglich ist. Und natürlich gehöre dazu, die Betroffenen so zu stärken, dass sie nicht mehr in eine Überschuldungslage kommen.
Die Beratungsstelle tut aus demselben Grund einiges für Prävention. Mit Vorträgen an Schulen zum Beispiel, was in Coronazeiten allerdings erst einmal auf Eis gelegt werden musste. Auch im Beratungsportal des Deutschen Caritasverbandes (www.beratung-caritas.de) ist die Schuldnerberatungsstelle eingebunden. Hier können sich Hilfesuchende anonym per Chatfunktion beraten lassen. Die Anfragen erfolgen postleitzahlenbezogen. 40 waren es 2021.
Anstieg der Verbraucher-Insolvenzen
Bundesweit wurde 2021 ein deutlicher Anstieg der Verbraucher-Insolvenzen verzeichnet, sagt Birgit Wagner. Der Grund liegt nahe: Der Gesetzgeber hat festgelegt, dass man sich statt nach sechs bereits nach drei Jahren von seiner Restschuld entschulden kann. Auch die Coronakrise mag das Ihre zur angespannten Lage in manchen Haushalten beigetragen haben. Laut Amtsgericht seien im vergangenen Jahr 189 Verbraucherinsolvenzen beantragt, 185 Verfahren eröffnet worden. Im Jahr davor waren es nur 64 beziehungsweise 60.
Fester Bestandteil der Tätigkeit des Teams ist die Beratung zum Pfändungsschutzkonto. 192 Bescheinigungen zur Erhöhung des Freibetrags auf dem P-Konto sind 2021 ausgestellt worden. Der Gesetzgeber hat laut Birgit Wagner mit der Neuausrichtung des Konto-Pfändungsschutzes zwar die Gerichte entlastet, nicht aber für eine bessere finanzielle Ausstattung der bescheinigenden Schuldnerberatungsstellen gesorgt. "Und auf die kam die Hauptlast zu."
409 Neuanfragen im vergangenen Jahr
Es gab im vergangenen Jahr 409 Neuanfragen - per Telefon oder E-Mail. Im Regen stehengelassen wird trotz ausgebuchter Termine niemand. Mit den Ratsuchenden wird in jedem Fall deren Situation besprochen und analysiert, was die dringendsten Maßnahmen zur Existenzsicherung sind, zum Beispiel drohenden Wohnungsverlust oder Stromsperre abzuwenden, sagt Birgit Wagner. Es gibt, wenn angebracht, Informationen zur Zwangsvollstreckung, zur Eröffnung eines Basiskontos bis hin zur Erstellung einer Gläubigerübersicht.
Sechs Monate Wartezeit auf langfristige Begleitung
Mal helfe ein Telefonat schon weiter, dass die Ratsuchenden selber einen Schritt weiter gehen können, mal müsse man einen Termin vereinbaren, um überhaupt eine Einschätzung geben zu können, ehe man auf die Warteliste für eine langfristige Beratung kommt. Sechs Monate beträgt die Wartezeit dafür. Aufgrund schneller Hilfe durch Einzelberatung und Krisenintervention sowie P-Konto-Bescheinigungen seien es rechnerisch vier Monate.
Die Aussichten für 2022?
"Wir erwarten, dass aufgrund der Auswirkungen der Corona-Pandemie die Nachfrage stetig hoch bleiben wird. Die Lebenshaltungskosten, Mieten und Energiepreise steigen. Damit auch die Sorgen." Gleichzeitig werde sich die Wartezeit auf eine langfristige Beratung erhöhen, weil Klienten ausgeschiedener Berater auf das Team verteilt werden und sich neue Kollegen erst einarbeiten müssten.
von Monika Schneider-Stranninger
Straubinger Tagblatt 22.02.2022